Donnerstag, 18. Juni 2015

Der Flitschhobel

Kürzlich bin ich bei einer Recherche wieder einmal in der Oekonomischen Encyklopädie von J. G. Krünitz 1) gelandet. Im Zusammenhang mit der Herstellung von Fußbodenbrettern wird dort die Funktion von Nut- und Spundhobel für die Anfertigung einer Nut- und Federverbindung beschrieben. Im weiteren Verlauf kommt dann der Flitschhobel zum Einsatz, und da ich diesen Namen noch nie gehört hatte, bin ich neugierig geworden. Krünitz beschreibt seine Funktion so:

"Die sichtbare Seite eines Bretes zu dem Fußboden behobelt der Zimmermann an der Kante mit dem Flitschhobel, stößt alsdenn die Fläche mit dem Scharfhobel [Schrupphobel] ab, und ebnet sie zuletzt mit einem Schlichthobel."
und im folgenden:
"Der Flitschhobel der Zimmerleute, Fig. 1367o), hat an einer Seite seiner Bahn einen Falz, a b, welchen der Zimmermann an die Kante des Bretes ansetzt, und mit seinem Hobeleisen andeutet, wie tief er das Bret abhoblen will, damit er mit dem Scharf= und Schlicht=Hobel nach einem geraden Striche hobele." So recht konnte ich mir weder den Hobel noch die damit vorgenommene Arbeit vorstellen, zumal die zugehörige Abbildung nicht unbedingt hilfreich ist.


Flitschhobel in der Encyklopädie von Krünitz


Also habe ich weitergesucht, aber die Erläuterungen in anderen Fachbüchern haben mich eher noch mehr verwirrt. Jacob Heinrich Kaltschmidt 2) beschreibt den Flitschhobel als "ein hobelähnliches Werkzeug zum Vorreißen". Bei Pierer 3) ist es ein "Hobel mit einem vorstehenden Rande an der untern Seite, der an der schon glatt gearbeiteten Seite eines Brets läuft, wenn die andre behobelt werden soll".

Bei Günther Heine 4) fand ich schließlich die Abbildung eines Doppelflitschhobels und sah, dass es sich um einen einfachen und sehr langen Falzhobel handelt. Der abgebildete Hobel hat eine Länge von 1230 mm. Heine beschreibt, an Krünitz angelehnt, dessen Funktion so:
"Mit ihm hobelte der Zimmermann an einem grob zugerichteten Balken zunächst entlang der Kanten Falze an. Diese gaben ihm einen Anhalt dafür, wieviel er dazwischen mit dem Ketschhobel wegnehmen mußte, um eine durchgehende, saubere Fläche zu erhalten."


Mit dem Flitschhobel erzeugte Fälze


Jetzt konnte ich mir besser vorstellen, wozu der Flitschhobel verwendet wurde. Aber warum benutzt nur der Zimmermann den Flitschhobel, während der Schreiner seine Bretter mit der Rauhbank abrichtet? Darüber habe ich nichts gefunden, aber der Grund könnte in den unterschiedlichen Abmessungen liegen. Der Schreiner bearbeitet Bretter, die vielleicht maximal zwei Meter lang sind. Der Zimmermann hat mit wesentlich längeren Balken und Brettern zu tun. Diese mit der Rauhbank plan zu hobeln dürfte sehr schwer sein. Deshalb erzeugt er sich zuerst einmal eine Basislinie in Form eines Falzes und arbeitet sich dann mit handlicheren Hobeln auf diese Ebene vor.

J. M. Greber 5) erwähnt den Flitschhobel unter der jüngeren Bezeichnung Fluchthobel, als er über den Falzhobel schreibt:
"In der Folgezeit trat der Falzhobel, wie es scheint, bei den deutschen, französischen und englischen Möbelschreinern etwas hinter den Simshobel zurück, während die Bauschreiner und Zimmerleute ihn in einer grossen, fugbankähnlichen Ausführung benutzten. Der gleiche Hobel ist heute bei den Zimmerleuten als Falz- oder Fluchthobel bekannt. Fluchthobel heisst er deshalb, weil er lange Fälze in eine gerade Linie bringt. Alte Belege für den Namen gibt es nicht."
Diese Belege gibt es wohl deshalb nicht, weil der Fluchthobel in früheren Zeiten Flitschhobel hieß.

Einige schöne Exemplare von Flitschhobeln bzw. Fluchthobeln befinden sich in der Sammlung von K. G. Heid, der mir die folgenden Abbildungen zur Verfügung gestellt hat. Vielen Dank! (Bilder anklicken zum Vergrößern)


Flitschhobel Sammlung K. G. Heid


Flitschhobel Sammlung K. G. Heid


Flitschhobel Sammlung K. G. Heid


Unter dem Namen Fluchthobel ist dieser Hobel in diversen alten Katalogen zu finden, z. B. bei Georg Baldauf (Katalog von 1912, Seite 35) oder bei Friedrich Ott (Katalog von 1940, Seite 45)


Quellen:
1) Johann Georg Krünitz: Oekonomische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Stadt-, Haus- und Landwirtschaft (Berlin, 1806) (Krünitz Online)
2) Jacob Heinrich Kaltschmidt: Vollständiges stamm- und sinnverwandtschaftliches Gesammt-Wörterbuch der deutschen Sprache (Beck, 1851)
3) Heinrich August Pierer: Universal-Lexikon der Gegenwart und Vergangenheit oder neuestes encyclopädisches Wörterbuch der Wissenschaften, Künste und Gewerbe (Pierer, 1850)
4) Hans-Tewes Schadwinkel, Günther Heine: Das Werkzeug des Zimmermanns (Verlag Th. Schäfer, Hannover, 3. Aufl., 1999)
5) Josef M. Greber: Die Geschichte des Hobels (Reprint im Verlag Th. Schäfer, Hannover, 1987)

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