Samstag, 16. Oktober 2010

Franz Wertheim, Hof-Werkzeugfabrikant in Wien

Die Geschichte der österreichischen Werkzeugfabrik Wertheim ist vermutlich eine der kürzesten, aber gehört sicher zu den interessantesten. Das liegt vor allem an der Persönlichkeit des Franz Wertheim, der keine Gelegenheit ausließ, sich und seine Erzeugnisse in der Öffentlichkeit darzustellen. Diese permanente Präsenz und seine Erfolge sowohl im gesellschaftlichen Bereich wie in der Werkzeugproduktion spiegeln sich in einer Fülle von Zitaten in der Literatur, die vor allem dank der Google-Buchsuche heute auch leicht zugänglich ist.

Als Sammler interessieren mich aber vor allem die Werkzeuge selbst, und da liegt die Schwierigkeit. Während z. B. Hobel des Wiener Konkurrenten Joh. Weiss & Sohn zumindest hier in Süddeutschland relativ häufig zu finden sind, besitze ich bisher nur wenige Hobel, die aus der Fabrik Wertheim stammen. Franz Wertheim hat aber mit seinem Werkzeugsortiment nicht nur an allen größeren Ausstellungen bis hin zu den Weltausstellungen teilgenommen, sondern diese Kollektionen anschließend an Museen und Technische Schulen verkauft. Im Vorwort zu seiner bekannten und auf den Ausstellungen ebenso wie seine Werkzeuge preisgekrönten "Werkzeugkunde" von 1869 beschreibt Wertheim selbst, welche Institute diese Sammlungen erworben haben.

Im Dezember 2007 machte mich ein befreundeter französischer Sammler darauf aufmerksam, daß im Online-Katalog des Pariser CNAM eine Reihe von Wertheim-Werkzeugen aufgelistet sind. Es stellte sich heraus, daß es sich um die Werkzeuge handelt, die nach der Pariser Weltausstellung von 1855 an das Conservatoire impériale des arts et métiers verkauft wurden. Pierre, der in der Nähe von Paris lebt, nahm Kontakt zum CNAM auf, und wir bekamen die Erlaubnis, diese einmalige Sammlung im Magazin zu besichtigen.

Aus Anlass des berühmten Flohmarktes in Bièvres war ich dann in diesem Frühjahr eine Woche bei Pierre in der Nähe von Paris, und wir verbrachten einen ganzen Tag im CNAM Magazin.

Wertheim hatte 1855 in Paris 1400 Werkzeuge ausgestellt. Einen Eindruck davon vermittelt eine Abbildung seines Standes auf der Pariser Ausstellung 1867, die in seiner "Werkzeugkunde" abgedruckt ist. Die vier großen Panele, die die Rückwand bildeten, bestückt mit Sägen, Drechslerwerkzeugen, Hobeleisen und Küferwerkzeugen, sind im CNAM noch in ihrer ursprünglichen Form vorhanden. Aber das ist längst nicht alles.

An einer anderen Stelle im Magazin gibt es mehrere Regalböden voller Wertheim-Werkzeuge, die meisten davon Hobel. Kisten über Kisten voller fabrikneuer Hobel, 155 Jahre alt. Wir durften alles anschauen, untersuchen (mit Schutzhandschuhen) und photographieren. Bilder muß ich vorläufig schuldig bleiben, weil uns die Veröffentlichung nicht erlaubt wurde. Ich werde aber noch mal im Museum nachfragen, ob die das Verbot wirklich aufrechterhalten wollen. Ersatzweise hier ein Link zu einem Schlichthobel von Franz Wertheim im Technischen Museum in Wien:


Was mich erstaunt hat: Nur wenige der Hobel sehen so edel aus wie dieser, und wie man es sich auf einer solchen Ausstellung vorstellen würde. Die meisten Hobel sind sehr schlicht, sauber gearbeitet, aber ohne Oberflächenbehandlung, mit dem Herstellerkennzeichen und meistens auch mit der aufgestempelten Bezeichnung versehen.

Es gibt einige Hobel, die ich vorher noch nie gesehen hatte und deren Namen ich in meiner Kopie der "Werkzeugkunde" nachschlagen mußte. Zum Beispiel der "Facennuthhobel", der parallele Nuten mit dreieckigem Querschnitt hobelt. Der Anschlag hat unten die gleiche Form wie der Hobel selbst und läuft beim Anfertigen der zweiten und der folgenden Nuten in der jeweils benachbarten. Die "Nuthsäge", die aussieht wie ein Nuthobel und auch so geführt wird, die aber Nuten verschiedener Breiten sägen kann. Oder der "Winkelhobel", der zwei unter einem rechten Winkel stehende Flächen auf einmal hobelt. Von Wertheim entwickelt ("von uns zuerst construirt"), dürfte dieser Hobel allerdings keine weite Verbreitung gefunden haben.




Pierre war derweil damit beschäftigt, die ebenfalls reichlich vorhandenen französischen Hobel aus dieser Zeit zu inspizieren. Und auch sonst war der Besuch in dem Museumsmagazin sehr interessant, denn wir durften uns frei bewegen und es gab jede Menge faszinierender Maschinen und Modelle zu sehen. Eigentlich schade, daß diese Schätze dort so versteckt lagern, und ein Tag war natürlich viel zu wenig, aber ich habe mir vorgenommen wiederzukommen.

Und dann ist da ja noch das Technische Museum in Wien, wo Werkzeuge von Wertheim von der Gewerbeausstellung 1845 lagern. Österreich ist von München aus nicht ganz so weit, und ich könnte mir dann auch die teilweise noch vorhandenen Werkzeugfabriken in Wien und Neustift anschauen.

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