Freitag, 24. Februar 2012

Werkzeugkatalog Franz Wertheim 1869

Über die Wiener Werkzeugfabrik des Franz Wertheim hatte ich bereits in einem früheren Blogeintrag berichtet. Dort ist auch Wertheims "Werkzeugkunde" erwähnt, deren vollständiger Titel lautet:
"Werkzeugkunde zum Gebrauche für technische Lehranstalten, Eisenbahnen, Schiffbau u Industrie Gewerbe als Tischler, Drechsler, Fassbinder, Wagner, Zimmerleute, Modelleure & Mechaniker von Franz R. v Wertheim, k. k. Hof u. I. land. bef. Werkzeugfabrikant zu Wien"

Durch einen Blogeintrag von Joel Moskowitz habe ich erfahren, daß es jetzt eine Online-Version dieses Katalogs gibt. Franz Wertheim hatte die "Werkzeugkunde" auf Deutsch und auch auf Französisch veröffentlicht. Beide Ausgaben bestehen aus jeweils zwei Bänden. Der erste Band enthält die Werkzeugbeschreibungen und wird ergänzt durch ganzseitige Farbtafeln mit den Abbildungen im zweiten Band. Die Princeton University besitzt die französische Fassung dieses Werks und hat jetzt beide Bände aufwendig eingescannt und online gestellt:


Wertheims Werk ist kein Verkaufskatalog, wie sie zu dieser Zeit von anderen österreichischen und deutschen Firmen erstellt wurden. Vielmehr möchte Wertheim, wie er im Vorwort schreibt, "vom praktischen Standpunkte aus anführen, wie jedes Handwerkzeug richtig zu benennen, aus welchen Stoffen es gemacht ist und welche Nutzeffecte mit ihm zu erreichen sind, so zwar, dass dieses Werk für technische Lehranstalten, industrielle Etablissements, wie für den Handarbeiter brauchbar ist."

Wertheim hat deshalb nicht nur die in seiner Fabrik erzeugten Werkzeuge gezeigt und beschrieben. "Ich habe bei der Wahl der in diesem Buche dargestellten Werkzeuge nicht ausschliesslich den österreichischen Standpunct eingenommen und daher auch jene Handwerkzeuge, die in England, Frankreich und Amerika nach praktischen Erfahrungen zweckmässiger als unsere, hier aufgenommen."

Die "Werkzeugkunde" ist nicht nur für den Historiker ein grundlegendes Werk, sondern auch für den Sammler eine wichtige Quelle. Die schön kolorierten Zeichnungen von gewöhnlichen bis zu exotischen Werkzeugen sind ein Genuss für jeden Werkzeugliebhaber.

Eine Veröffentlichung der vollständigen deutschsprachigen Version gibt es bisher nicht, aber der Textband der "Werkzeugkunde" werden sowohl von Google als auch von der Bayerischen Staatsbibliothek (BSB) angeboten:


Beide Versionen stammen von demselben Original im Bestand der BSB, das dort auch eingesehen werden kann. In der Qualität der Wiedergabe sind die Online-Versionen vergleichbar. Die Umsetzung in Text scheint identisch zu sein, die Zuordnung zu den Seiten ist bei der BSB besser gelöst. Beide Quellen bieten die Möglichkeit, eine PDF-Datei herunterzuladen.


Donnerstag, 23. Februar 2012

Geschäftsanzeigen 1865

Die Google Buchsuche ist eine feine Sache. Sie ermöglicht mir, bequem von zu Hause aus in den großen Bibliotheken der Welt zu stöbern. Sehr erleichtert wird das, weil Google die Bücher und Zeitschriften nicht einfach nur einscannt, sondern sie auch (so gut das möglich ist) in Texte umsetzt. Deshalb kann ich damit in Sekunden Quellen finden, die mir selbst vor Ort in einer Bibliothek vermutlich verborgen blieben.

Immer wieder entdecke ich so mir bisher unbekannte Werkzeughersteller oder neue Details über bereits bekannte. Neben den nüchternen Informationen sind es auch Details aus dem Leben der Leute, die die Suche spannend machen. Auch ein "Werkzeugverfertiger" heiratet, bekommt Kinder, zieht um, geht bankrott oder stirbt. Und alles ist in Meldungen und Geschäftsanzeigen festgehalten und dank Google leicht zugänglich.

Und manchmal finde ich auch etwas ganz Besonderes, wie diese beiden Geschäftsanzeigen, die Seite an Seite 1865 im "Münchener Fremdenblatt" erschienen sind. 1)


Joh. Graf empfiehlt sein Geschäft in der Schommergasse 14. Aus anderen Anzeigen geht hervor, daß Graf das Geschäft im Oktober 1864 neu eröffnet hat. Neben der Fertigung der hier aufgeführten Waren nahm Graf auch "Bestellung an von allen Sorten Holzarbeiten und zwar von dem einfachsten Hausgeräthe an bis zu den phantasiereichsten und Luxusmoebel". 2) Die Menge an offerierten Waren aus eigener Produktion läßt vermuten, daß die Firma Graf ein größerer Betrieb gewesen sein muss. Ich vermute, daß es auch ein moderner Betrieb gewesen ist, denn das Münchener Adreßbuch von 1866 3) führt "Joh. N. Graf" als "Maschinen-Tischler" auf. Das waren Tischler, die die hölzernen Teile von Maschinen herstellen konnten, und man kann deshalb annehmen, daß Grafs Werkstatt selbst auch mit Maschinen ausgestattet war.

Die Schommergasse in der Münchner Ludwigsvorstadt existiert heute nicht mehr. Sie wurde 1946 in Adolf-Kolping-Straße umbenannt.


Die zweite Anzeige stammt von der Eisen- und Geschmeidwaaren-Handlung Ludwig Frank in der Schäfflergasse 16. Über diese Firma habe ich leider nicht viel mehr herausfinden können. Die Anzeige ist jedenfalls sehr detailreich, und die vorgestellten Werkzeuge, insbesondere die große Auswahl an Sägen und der hübsche Hobel im Vordergrund, würden mich zum Stöbern einladen, wenn es dieses Geschäft noch gäbe.

Laut einem Verzeichnis von 1863 hatten damals 17 Einwohner von München eine "gewerbspolizeyliche Licenz" zum Werkzeugmachen und es gab eine Werkzeugfabrik. Da gibt es für mich also noch viel zu entdecken.



Quellen:
1) Münchener Fremdenblatt: mit Tagesanzeiger und Quartiergeber, 1865
http://books.google.de/books?id=KdZMAAAAcAAJ&pg=PA68
2) Neueste Nachrichten aus dem Gebiete der Politik, 1865
http://books.google.de/books?id=EdxFAAAAcAAJ&pg=PT30
3) Adreßbuch für München, 1866
http://books.google.de/books?id=umJBAAAAcAAJ&pg=PA180
4) Medizinische Topographie und Ethnographie der k. Haupt- u. Residenzstadt München, 1863
http://books.google.de/books?id=BHLOAAAAMAAJ&pg=RA1-PA177